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Nektar für die Bienen

„Hey, wacht auf! Es ist höchste Zeit!“
Laut hallte die Singsangstimme der Frühlingselfe durch den Garten. Laut und drängend.
„Frühling ist’s, ihr lieben Blumen! Die Menschen warten auf euch, die Tiere und ganz besonders die Bienen und Hummeln und Schmetterlinge und Käfer. Sie haben Hunger und wollen euren Nektar trinken. Hört ihr mich, ihr Blumen?“
„Wohl! Wohl!“, brummte die Hyazinthe, die noch tief in der Erde in ihrer Zwiebelknolle ruhte. „Du bist nicht zu überhören. Aber bist du dir sicher, dass der Frühling schon da ist, Frühlingselfe?“
„Aber klar. Ich bin doch auch da! Hörst du mich nicht?“
„Natürlich. Klar und deutlich singt dein Lied in meinem Ohr. Schließlich hast du mich aus meinem wohlverdienten Winterschlaf geweckt und …“
„Sie lügt, die Elfe!“, wurde er da von den Gänseblümchen, die ihre Köpfe zögernd aus der wintergrauen Wiese reckten, unterbrochen. „Kalt ist es noch und windig und frostig hart in den Morgenstunden. Der Frühling lässt sich Zeit und auch ihr könnt noch ein wenig ruhen.“
„Stimmt!“, bestätigten die Schneeglöckchen. „Für euch ist es noch viel zu kühl. Wir sind an der Reihe. Wir und unsere Freunde, die Winterlinge und Märzenbecher und Krokusse. Es ist unsere Zeit.“
„Na, dann ist es ja gut“, murmelte die Hyazinthe. „Ich kann also noch ein Weilchen in meiner Zwiebel bleiben.“
„Wir auch!“, riefen die Narzissen, Tulpen und Irisblüten. „Unsere Zeit ist noch nicht gekommen. Wir werden jetzt noch nicht gebraucht.“
„Falsch!“, rief die kleine Elfe und ihre Stimme klang ein bisschen seltsam, ja, verzweifelt fast. „Und wie ihr gebraucht werdet! Ihr und euer süßer Nektar. Die Bienen und Hummeln sind hungrig. Sehr sogar. Ihr müsst ihnen helfen und blühen. Schnell.“
„Warum fliegen sie nicht zu den Weiden und Haselsträuchern drüben bei der großen Wiese wie jedes Jahr?“, näselte die Papageientulpe mit ungehalten klingender Stimme. „Dort finden sie im frühen Frühling immer genug Nahrung.“
„Weil … weil es die Weiden und Haselsträucher nicht mehr gibt. Die Menschen haben sie im Herbst gefällt und ihr Holz verbrannt. Seht selbst!“ Traurig klang die Stimme der Elfe nun. „Sie denken nicht mehr nach, die Menschen. Schon gar nicht mehr sorgen sie sich um die Tiere und Pflanzen. Auch uns Elfen scheinen sie wohl vergessen zu haben.“
„Jaja! Jaja! Nur wir sind jetzt für die Bienen da“, riefen die Schneeglöckchen.
„Wir auch! Hört ihr? Wir auch!“, ergänzten die Winterlinge und Krokusse, und die Märzenbecher riefen:
„Wir hatten auch heute wieder viele Bienen, Hummeln, Käfer und auch Schmetterlinge mit zitronengelben Flügeln zu Gast. Das war schön.“
„Aber ihr seid zu wenige!“, klagte die Elfe. „Von eurem Nektar allein werden eure Gäste nicht satt. Und deshalb müssen alle Blumen …“ Sie brach ab, weil sie weinen musste.
„Oho!“, murmelte die Hyazinthe.
„Oh weh! Oh weh!“, klagten die Narzissen und die Tulpen riefen:
„Was zögert ihr? Los! Los! Lasst eure Triebe wachsen! Lasst uns dem frühen Frühling nektarsüße Düfte schenken und ihn mit unseren Blüten frühlingsbunt bemalen! Seid ihr dabei?“
„Jaaaa!“, riefen die Blumenzwiebeln und ein Raunen ging durch die Böden der Gärten ringsum:
„Aufwachen! Hört ihr! Aufwachen und wachsen und blühen. Unsere Freunde, die Bienen brauchen uns.“
Allüberall in den Gärten war dieses Raunen zu hören und es dauerte nicht lange, bis frische grüne Blattspitzen die grauen Böden schmückten.
„So ist es gut“, bedankte sich die Elfe. „Ihr seid alle wundervoll. Es ist ein Anfang. Ja, ja, so ist es gut.“
Und das war es auch. Für den Moment.

© Elke Bräunling

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