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Im Mai ist’s im Wald am schönsten

Endlich hatte der April mit seinem launisch nassen Schlechtwetter dem Mai Platz gemacht. Das Wetter war zwar immer noch launisch kühl und nass, aber wenn die Sonne es schaffte, für längere Zeit ihren Platz zwischen den Wolken zu behaupten, konnte es gut warm werden.
„Was haben wir doch für ein Glück“, sagte Oma beim Wetterbericht nach den Nachrichten. „Wir haben Mai und wir haben ideales Wanderwetter. Nicht zu kühl und nicht zu heiß. Perfekt. Kinder, in dieser ersten Maienwoche dürft ihr alle Nachmittagsstunden schwänzen. Wir gehen Wandern. Im Mai ist es im Wald am schönsten. Es ist wie in einer Zauberwelt, die uns mit ihrer Frische Kraft tanken lässt für das ganze Jahr. Das gilt es auszukosten.“ Sie warf die Hände in die Luft, so dass es aussah, als würde sie diesen seltsamen unsichtbaren Maienzauber umarmen.
„Hach! ich liebe das leise Erwachen der Natur, das zarte Grün der Bäume, die Brautschleier der blühenden Wildkirschen, der Duft der Maiglöckchen und Veilchen und …“
Oma schwärmte und hörte gar nicht mehr damit auf. Ihre Stimme klang heller und eifriger als sonst, ihre Augen strahlten. Eigentlich liebte sie alles am Mai. Und ganz besonders eben das Wandern.
Opa wiederum liebte alles an Oma und las ihr jeden Wunsch von den Lippen ab. Er lächelte, wenn Oma mit dem Schwärmen anfing.
Pia und Pit liebten Oma auch über alles. Ihre Nachmittagsstunden, den Musikunterricht, den Fotokurs, das Fußball- und Tennistraining und die Arbeit im Schulgemüsegarten liebten sie aber auch und sie hatten wenig Lust aufs Schwänzen. Schon gar nicht, um stundenlang durch den Wald zu wandern.
Auch der Himmel schien wenig Lust auf Wanderzeiten zu haben. Es blieb so kühl und nass, dass Omas Wald- und Wanderpläne immer wieder ins Wasser fielen.
So ein Pech! Immer trauriger blickte Oma drein. Da war nicht mehr viel von der Freude und vom Maienzauber zu sehen. Auch ihre Augen strahlten nicht mehr.
„Könnte man nicht auch bei Regenwetter in den Wald gehen?“, fragte Pit eines Tages.
„Ein klitzekleines Bisschen wenigstens?“, erkundigte sich Pia.
Opa nickte. „Eine gute Idee“, sagte er, „und ich kenne auch schon unser Wanderziel: Die Hütte am alten Steinbruch hinter der Burgruine Feigenstein.“
Burgruine? Steinbruch? Alte Hütte? Das klang spannend. Auch bei nassem Wetter.
„Ja!“ Pia und Pit nickten begeistert.
„Ja!“, sagte auch Oma. Sie hatte auf einmal wieder glänzende Augen und aufgeregt rote Backen. „Unsere Hütte. Du hast sie nicht vergessen?“
Opa lächelte. „Wie soll ich je diese Hütte vergessen? Dort hatte wir beide vor einem besonders heftigen Regenschauer Schutz gesucht. Was für ein Glück, dass uns das Wetter damals so eine grausig nasse Maiwanderung beschert hatte.“
Oma nickte. „Oh ja! Sonst hätten wir uns nie kennen gelernt.“
Aha! Deshalb also liebte Oma den Wald im Mai so sehr. Die Geschwister zwinkerten einander zu.
„Der Mai ist halt ein Zaubermonat“, sagte Pit schnell und Pia grinste.
„Besonders mit seinem Liebeszauber für verirrte Wanderer.“

© Elke Bräunling

Maiwaldzauber

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