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Die Kräuterhexe

Es ist ein schöner Sommertag. Lisa und Jan sonnen sich auf der Wiese hinter Tante Annas Haus.
„Sonne macht müde“, murmelt Lisa, und fast wäre sie eingeschlafen, doch Jan rüttelt sie wach.
„Hörst du nichts?“, fragt er.
Lisa schüttelt den Kopf. „Nein, was denn?“
„Es raschelt. Dort hinten am Waldrand!“
„Na, und?“ Lisa schließt wieder die Augen.
Jan aber gruselt sich. Immer wieder blickt er sich um. Dann sieht er sie. Wirklich, eine Hexe ist es, die auf sie zukommt.
„Ei-ei-eine Hexe!“, stottert er und will weglaufen.
Lisa lacht. „Hexen gibt es nur im Märchen.“
„Sie sieht aber wie eine Hexe aus: klein und dürr, mit einem Buckel und einer spitzen Nase.“
„Deshalb ist sie noch lange keine Hexe.“
Jan aber weiß es besser. „Sie trägt einen Korb mit Giftkräutern.“
Es raschelt lauter, und eine alte Frau mit einem Korb kommt auf sie zu. Manchmal bleibt sie stehen, pflückt hier eine Blume, rupft da ein Kraut, zieht dort eine Wurzel aus dem Boden.
„Siehst du!“, sagt Jan.
„Guten Tag“, grüßt die Alte freundlich.
„Hallo“, erwidert Lisa den Gruß. Sie späht in den Korb. Unkraut liegt darin, Pilze und Wurzeln.
„Darf ich mich ein wenig zu euch setzen?“, fragt die Fremde.
„Klar“, sagt Lisa. „Ich heiße Lisa.“
„Und ich bin Jan.“
„Nett, euch kennen zu lernen“, antwortet die alte Frau freundlich. „Mein Name ist Eugenia Fantasia.“
„Ein komischer Name“, sagt Jan, und Lisa fragt:
„Was machst du mit all dem Unkraut?“
Eugenia Fantasia seufzt ein wenig. „Unkraut ist das nicht. Aber wer kennt heute noch die Geheimnisse der Natur? Es sind Heilkräuter, die ich gesammelt habe. Pflanzen mit wundersamen Kräften.“
Lisa staunt. „Heilsame Kräfte?“
Jan aber fragt neugierig: „Bist du eine Giftkräuterhexe?“
Eugenia Fantasia lächelt. „Wer heutzutage Kräuter sammelt, kann wohl nur eine Hexe sein! Ganz einfach, nicht wahr?“
„Das ist gar nicht einfach“, meint Lisa. „Ich finde es spannend, was man mit Kräutern alles machen kann. Erzählst du uns mehr davon?“
Jan aber ist enttäuscht. „Schade“, mault er. „Ich hätte so gerne eine echte Hexe kennen gelernt.“
Da müssen Lisa und Eugenia Fantasia lachen.
Dann wird Eugenia Fantasia ernst. „Vielleicht“, sagt sie leise, „bin ich doch eine Hexe. Jeder nämlich, der anders ist als die Mehrzahl der Menschen, wird als so etwas wie eine Hexe angesehen oder als Zauberer oder …“, sie lacht, „ja, oder als Narr.“
„Und du?“, fragt Jan. „Bist du eine Närrin?“
„Ach, von jedem ein bisschen“, antwortet Eugenia Fantasia rätselhaft.
„Dann kannst du also doch hexen?“
„Und zaubern?“
„In jedem Ort steckt Zauber“, antwortet die alte Frau mit geheimnisvoller Stimme. „Und in jedem Menschen. Man darf ihn nur nicht vergraben …“
„Den Zauber?“
„Vergraben?“
Erstaunt starren Lisa und Jan die Alte an.
„Denkt darüber nach!“ Eugenia Fantasia kichert. „Und lasst eurer Fantasie freien Lauf!“
Sie steht auf, packt ihren Korb und ist – fast wie ein Geist – verschwunden.

© Elke Bräunling

Diese Geschichte findest du neben vielen anderen in dem Buch: Hör mal, Oma! Ich erzähle Dir eine Geschichte vom Landleben


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