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Tulpengespäch am frühen Morgen

Durch einen glücklichen Zufall kam es dazu, dass ich das Gespräch von zwei Tulpen in meinem Garten belauschen konnte. Ich saß am frühen Morgen auf der Terrasse. Es war noch sehr früh, also eine Zeit, in der mich keiner im Garten vermutet hätte. Da ich von Natur aus ein stiller Mensch bin, bemerkte mich niemand, nicht Tier, nicht Pflanze und Mensch schon gar nicht, denn, wie gesagt: Es war noch früh!
Gerade versuchte ich, mich an den Traum zu erinnern, der mich aus dem Bett geschubst hatte, als ich ein feines Stimmchen vernahm.
„Guten Morgen! Heute ist mein Geburtstag!“
Verdutzt schaute ich mich um, konnte aber nicht ausmachen, zu wem die Stimme gehörte.
„Meiner auch!“, rief eine zweite Stimme, lauter als die erste.
„Ist das so? Hat man Geburtstag, wenn sich die Blütenblätter zum ersten Mal öffnen?“, fragte die erste Stimme. Sprachen da etwa zwei Blumen? Ich rieb mir den Schlafsand aus den Augen und spitzte meine Ohren, um nichts zu verpassen.
„Ja, ist so! Eigentlich sind wir ja schon vorher da, aber die Blüte ist doch das wichtigste an uns, nicht wahr? Wenn sie aufgeht, dann haben wir unseren Ehrentag!“ Das war wieder die lautere Stimme gewesen. Vorsichtig drehte ich mich auf meinem Gartenstuhl dem Blumenbeet zu und erblickte sofort zwei hübsche Tulpen, die gestern noch nicht geblüht hatten. Die beiden mussten es sein, die da miteinander plapperten.
Eine Weile war Stille. Hatten sie mich etwa bemerkt? Bewegungslos verharrte ich in der Position, die ich eingenommen hatte, als ich wieder die leise Stimme vernahm:
„Ein schönes Blütenkleid hast du. Es gefällt mir!“
„Danke schön, du siehst aber auch toll aus, ich mag dieses leuchtende Rot!“
Nun wusste ich also, wer zu welcher Stimme gehörte, die leise war Rot und die lautere Gelb. In Gedanken wollte ich ihnen gerade Namen geben, als sich eine weitere Stimme dazu gesellte. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass sich eine dritte Tulpenblüte geöffnet hatte.
„Guck mal, da kommt noch eine!“, rief die Gelbe, die Rote neigte leicht ihren Kopf, um besser sehen zu können. Dann begrüßte sie die Neue mit einem fröhlichen „Guten Morgen!“
„Igitt!“, flüsterte die Gelbe. „Die hat ja Streifen!“
Jetzt sah ich es auch, der Neuankömmling war rot mit gelben Streifen, außergewöhnlich schön, fand ich.
„Streifen im Blütenkleid machen schlank!“, rief die Neue selbstbewusst und lachte ein tulpenhelles Lachen. Die Rote stimmte sofort mit ein, aber die Gelbe ärgerte sich ein wenig, das war vielleicht der Neid, den man der gelben Farbe zusprach.
Ich hätte gern noch gelauscht, aber ein persönliches Bedürfnis trieb mich ins Haus. Ich rief den Tulpen schnell noch einen Gruß zu: „Herzlichen Glückwunsch, ihr Drei. Ihr seid die schönsten Tulpen, die ich je gesehen habe!“
Genauso hatte ich es auch gemeint. Den ganzen Tag bin ich mit einem seligen Lächeln im Gesicht durch die Welt gelaufen und morgen früh werde ich mich wieder auf die Terrasse setzen, das habe ich mir jedenfalls vorgenommen.

© Regina Meier zu Verl