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Die kleine Waldmaus, die Veilchen und die Liebe

Irgendwie, fand die kleine Waldmaus, war der Weg zur Waldwiese in diesen Tagen weiter als sonst. Es war das erste Mal, dass sie die Wiesentiere nach dem langen Winterschlaf besuchen wollte. Sie hatte es eilig, die Freunde wieder zu sehen und vielleicht auch neue Freunde kennen zu lernen. Dennoch kam sie nur langsam voran. Es gab unterwegs so viele wunderfeine Dinge zu bestaunen. Der Frühling war aber auch so schön. Er verwandelte den grauen Winterwald in einen hellen Frühlingswald. Überall verteilte er duftige Farbtupfer. Kleine hellgrüne Blättchen schmückten die kahlen Äste der Bäume und Büsche. Die Schlehen und Wildkirschen trugen cremeweiße Blütenbrautkleider. Die Zweige der Lärchen schimmerten lindgrün im Licht der Sonnenstrahlen. Auch am Boden blühte und grünte es ringsum. Und wie köstlich süß es duftete!
Die kleine Waldmaus staunte und staunte. So viel gab es zu sehen!
„Der Frühling, von dem Opa Maus erzählt hat, ist wirklich ein netter Kerl“, murmelte sie. „So schön hell und bunt schmückt er den Wald.“
Wieder blieb sie stehen und blickte sich um. Die blauen Waldblümchen mit den kleinen Blütenköpfen, dufteten die heute nicht besonders süß?
„Das sind Veilchen“, hatte Opa Maus erklärt. „Die Menschen lieben sie besonders. Wegen ihres Duftes und wegen der Liebe.“
Die kleine Waldmaus schnupperte. Duft? Das konnte sie verstehen. Immer wieder könnte sie ihre Nase in die kleinen Blütenköpfe tauchen und schnuppern, schnuppern, schnuppern.
„Hm!“, machte sie und schloss die Äuglein. „Man könnte sie glatt aufessen, so fein duften sie. Duft ist süß und süß schmeckt lecker.“ Sie überlegte. „Was aber ist Liebe? Schmeckt sie auch süß und lecker?“
Irgendwann vor dem langen Winterschlaf, erinnerte sie sich nun, hatte sie diese Liebe schon einmal getroffen. Da waren diese beiden Menschen gewesen, der Mann und die Frau. Beim weißen Stein war das gewesen, wo die kleine Waldmaus ein Schlafpäuschen gemacht hatte. Dort hatten sich die beiden Menschen ins Gras gesetzt und die Arme ineinander verschlungen. Und geseufzt hatten sie und ihre Münder aufeinander gelegt und so nett geschmatzt, dass der kleinen Waldmaus das Wasser im Munde zusammen gelaufen war. Und manchmal haben sie „Liebe!“ und „Ich liebe dich“ gesagt. Ihre Stimmen hatten dabei so sanft und zart geklungen, dass die kleine Waldmaus diese Liebe gleich sehr mochte.
„Liebe ist auch etwas Schönes“, sagte sie nun. „Genau so schön wie der Frühling und so süß wie der Duft dieser blauen Veilchen-Blümchen.“
Sie seufzte und ihr kleines Mauseherz schlug mit einem Mal ein bisschen schneller als sonst. Und das fühlte sich gut an. Fast so gut wie sich warme Sonnenstrahlen im kühlen Mausefell anfühlten. Oder gar noch besser?

© Elke Bräunling

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