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Maikäfernächte

„Bist du der Herr Sumsemann“, fragte das Kind den dicken Maikäfer.
Der antwortete erst einmal nicht. Er bemühte sich nämlich vergeblich, nach dem Stoß gegen die Fensterscheibe wieder auf die Füße zu kommen. Hilflos lag er auf seinem breiten Rückenpanzer und strampelte mit den Beinen. Er strampelte heftig, denn vor Kindern fürchtete er sich. Nun, eigentlich gab es fast nichts, was ihn nicht in Furcht versetzte. Und eigentlich war er fast immer vor irgendwelchen ‚Feinden‘ auf der Flucht.
„Nun strample doch nicht so dolle“, maulte das Kind. „Wie soll ich denn sonst deine Beinchen zählen?“
„B-Beine zählen?“, keuchte der Maikäfer. Eine mächtige Angst stieg in ihm auf. „Wollte dieses Kind ihm seine Käferbeine ausreißen und andere gemeine Dinge mit ihm tun?“
Zu seinem Strampeln kam noch ein Schlottern. Ein Angstschlottern, das so heftig war, dass er sich am liebsten tot gestellt hätte. Davor aber fürchtete er sich noch mehr. Wer weiß, womöglich fiel er beim Totstellen tot um. So richtig tot.
„Nein, nein, zu Hilfe!“, heulte er daher auf. „Tu mir nichts, bitte. Ich verspreche dir auch, nie ein Sumsemann, wer oder was das auch immer sein mag, zu werden. Ich werde ihn auch nicht treffen und ich …“
Der Maikäfer redete und redete, während er immer noch mit den Beinen ruderte.
„Der Sumsemann hat nur fünf Beine“, stellte das Kind ruhig fest. „So halte still, damit ich nachsehen kann, ob dir dein sechstes Beinchen fehlt.“
„Nein. Nei-en!‘ Der Maikäfer schrie entsetzt auf. Also wollte es ihm doch ein Bein oder zwei oder gleich alle ausreißen. Kinder können so grausam sein. Und wenn dieses Kind feststellte, dass er – wie alle seiner Kollegen – sechs Beine hatte, würde es ihm gleich sehr weh tun und …
„Ich bin verloren“, schrie er verzweifelt in die laue Maiennacht hinaus. Und er schrie und schrie …
„Hast du schon wieder schlecht geträumt?“, fragte da auf einmal eine Stimme sanft. Es war eine vertraute Stimme. Mamas Stimme.
Papa nickte. „Ein Kind wollte mir mein sechstes Beinchen wegreißen. Und ich lag auf dem Rücken. Ich konnte nicht aufstehen und mich wehren.“ Papa setzte sich im Bett auf. Langsam wurde er wach. „Ich war ein Maikäfer.“
Mama lachte. „Aha“, sagte sie. „Hast du den Kindern aus „Peterchens Mondfahrt, dem Märchen mit dem Maikäfer Sumsemann vorgelesen?“
Papa nickte. Er schüttelte sich. „Märchen können ganz schön grausam sein.“
Mama nickte. „Besonders zu Maikäfern und gestressten Vätern.“
Papa gähnte und nickte wieder. „Für morgen haben sich die Kinder ‚Rotkäppchen‘ gewünscht. Das ist ein nettes Märchen. Oder?“
Mama nickte. „Und ganz ohne Maikäfer“, sagte sie. „Rotkäppchens verschlagener, verfressener Wolf ist bestimmt harmlos und …“
Sie schwieg, denn Papa war längst wieder eingeschlafen.

© Elke Bräunling


Maikäferzeit

Zwei weitere Maikäfergeschichten findet ihr hier:
Die Tränen der Birken zur Maikäferzeit
Maikäfer, flieg!

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