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Rhabarberzeit
Im Frühling gibt’s Rhabarber – und man kann nicht immer alles essen

Oma schrieb eine Einkaufsliste. Fürs Festessen am Sonntag. Viele leckere Speisen standen für dieses Mahl auf ihrem Plan. So lecker, dass es Spaß machte, ihr beim Planen zuzusehen. Und deshalb blieben alle mit gespannten Mienen am Abendbrottisch sitzen und lauschten. Die Liste war auch gleich voll mit Ideen und man konnte glatt Hunger kriegen alleine vom Zuhören. Was für Köstlichkeiten! Hmm!
„Und zum Nachtisch gibt es Rhabarberkompott. Punkt.“
Mit Schwung setzte Oma einen Punkt unter die Liste in ihrem Einkaufszettel.
„Seit wann setzt du einen Punkt auf deine Einkaufsliste?“, erkundigte sich Opa.
Oma schob sich die Brille zurecht. „Das wird gleich kommen“, sagte sie und ihre Worte klangen mehr als rätselhaft.
Opa starrte Oma nichts begreifend an, doch da kam es auch schon.
„Rhabarber ist doof und viel zu sauer“, maulte Papa los. „Den mochte ich noch nie. Wie wäre es denn mit Erdbeeren?“
„Die sind noch nicht reif“, sagte Oma.
„Kirschen?“, rief Johannes.
„Die sind es auch nicht“, antwortete Oma.
„Äpfel?“, versuchte es Opa.
„Die blühen noch. Die Bäume.“ Oma blieb hart.
„Weintrauben“, schlug Mama vor. „Es gibt zu einem Festessen nichts Besseres als Weintrauben, dazu ein bisschen Käse. Hm. Lecker.“ Sie schloss genießerisch die Augen.
„Au ja, Weintrauben.“ Die kleine Klara jubelte. „Trauben sind mein liebstes, mein allerliebstes Obst.“
„Fein.“ Oma legte den Einkaufszettel beiseite. „Dann verschieben wir unser Fest in den Herbst. Dann gibt es Weintrauben satt.“ Sie warf Opa einen nicht ganz so freundlichen Blick zu. „Und auch Äpfel.“
„Ich meinte ja nur“, brummte Opa und Klara rief:
„Ich habe gestern beim Einkaufen ganz viele Weintrauben gesehen.“
„Aus Südafrika oder Australien?“, erkundigte sich Oma mit sanfter Stimme.
„Nein. Vom Markt“, sagte Klara.
„Ja, ja, ich hörte davon“, sagte Oma. „Diese Weintrauben werden noch unreif irgendwo im Südteil unserer Erde geerntet und teuer gekühlt und mit Flugzeugen hierher zu uns transportiert. Was für eine Energieverschwendung! Wie verwöhnt wir Menschen doch sind!“
„Nun mach mal einen Punkt, Mama!“, sagte Mama zu Oma. „Die Welt geht doch nicht davon unter, wenn wir uns einmal im Frühling ein paar Weintrauben leisten. Oder?“
„Nein“, sagte Oma. „Nur wenn jeder so denkt und handelt, geht sie eines Tages vielleicht doch unter und …“
Sie sagte noch viel dazu, so viel, dass keiner mehr Lust hatte auf Weintrauben aus Südafrika oder Erdbeeren und Kirschen aus Spanien oder Äpfel vom letzten Jahr, die in teuren Kühlhäusern überwinterten. Eine Rharbarbertorte mit Rhabarber aus dem Garten und Sahne und Zuckerguss schmeckte ja auch sehr fein.

© Elke Bräunling

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