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Die Maifrau und die Liebe

„Ist das Grün schon da?“
Vorsichtig tastete sich die Maifrau durchs Wintertal zum Städtchen hinüber.
„Aber ja! Das Grün ist angekommen.  Längst schon. Aber du, du bist noch zu früh. Noch leben wir in meinem Monat, dem herrlichen, wunderfeinen, schönsten aller Monate, dem April“, antwortete die Aprilfrau. “Du musst warten, Kollegin. Hab Geduld!“
Die Maifrau lächelte. Mochte die Aprilfrau doch glauben, dass ihr Monat der schönste war. Das war nicht schlimm, denn sie, die Maifrau wusste es besser. Ihr Maimonat war schon von je her der romantischste aller Monate gewesen und das wird er auch in diese Jahr sein. Wie in all den Jahren zuvor werden sich auch dieses Mal viele Liebende in ihrem Monat das Versprechen geben, ein Leben lang zusammen zu bleiben. Feierlich wie die feinen weißen Glöckchen der Maiglöckchen würden wieder genauso häufig, aber lauter, die Kirchenglocken zum Fest läuten. Glückliche Menschen würden in die Kirchen ziehen und sich das Eheversprechen geben. Die Liebe gehörten zum Mai, dem blütenreichsten und festlichsten Monat im Jahr. Oh, die Maifrau liebte sie so sehr, diese Liebesfeste, die die Menschen ‚Hochzeiten‘ nannten.
„Die Liebe“, sagte sie nun. „Ich bringe sie ins Land zurück. Die Liebe der Menschen, der Tiere, der Blumen, der Bäume. Überall Liebe, Wachstum, Neubeginn. Sag, was wäre diese Welt ohne mich und meinen Monat?“
Nun war es die Aprilfrau, die die Kollegin belächelte. Als ob es die Liebe nicht immer gäbe! Nur machte keiner so viel Worte darüber wie die Maifrau.
„Aber“, sagte die Maifrau nun. „Wie ich sehe, blühen bereits die Tulpen und Narzissen, die Hyazinthen und Forsyhtien. Du hast gute Arbeit geleistet und den Weg gebahnt für meinen Flieder, die Rosen und Pfingstrosen, die Wiesenblumen und Kastanienblüten und noch viel mehr Blütenzauber, den ich mitbringen werde, liebe Aprilfrau. So kann ich mich nun ja noch ein wenig zurücklehnen.“
Sie setzte sich unter einen blühenden Apfelbaum und träumte von der Liebe. 
Sie träumte lange und schön und als sie eines frisch und blütensüß duftenden Tages wieder erwachte, war er längst da, der Mai, und sie konnte sie fühlen, riechen, schmecken, hören und sehen, die Liebe, die ihre Arbeit in diesem Wonnemonat auszeichnete.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

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