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Frühlingsgeflüster im Obstgarten

„Erster!“, sagte der Mandelbaum in Onkel Huberts Garten. „Jedes Jahr bin ich der Sieger. Schon im frühen Frühling erfreue ich die Herzen und Augen der Menschen mit meinen Blütenknospen.“ Zufrieden reckte er seine zartrosafarbenen Blütenzweige der Frühlingssonne entgegen.
„Angeber!“, knurrte der Kirschbaum, der neben ihm seinen Platz hatte. Seine Zweige waren noch kahl. Ganz genau musste man hinschauen, um Blütenknospen zu erkennen. „Ich komme auch bald.“ Er sagte es nur leise, wusste er doch, dass er mit seiner Blüte noch drei oder vier Wochen warten musste.
„Nein“, rief der Pfirsichbaum. „Ich bin vor dir an der Reihe.“ Er winkte mit seinen kahlen Zweigen. „Jedes Jahr aufs Neue sage ich dir dies.“
„Und was ist mit mir?“, fragte der Haselstrauch, dessen Blüten seit Januar den Garten mit einem zartgelben Schleier schmückten. Er stellte diese Frage jedes Jahr.
„Du bist kein Baum. Du zählst nicht!“, riefen die Bäume, ebenfalls wie in jedem Jahr.
„Gemeinheit!“, murmelte der Haselstrauch, doch das hörte keiner mehr.
„Baum ist Baum und Strauch ist Strauch“, beschied der Pflaumenbaum. „Und um es gleich zu erwähnen: ich könnte die Nächste sein, hörst du, verehrter Pfirsich?“
„Ja doch!“ Der Pfirsichbaum brummelte ein wenig, stand er doch mit der Pflaume immer im Wettstreit. „Man wird sehen.“
„Dann aber komme ich. April ist der Kirschblütenmonat“, meldete sich der Kirschbaum wieder zu Wort. „Und ich muss nicht betonen, dass meine Blüte eine besondere ist. Die Menschen lieben sie.“
„Die Menschen lieben alle Blütenbäume“, sagte die Pflaume.
„Und alle Blütensträucher“, rief der Haselstrauch schnell.
„Und überhaupt“, warf die Mirabelle ein. „Ich blühe auch im April.“
„Ich auch“ „Ich auch“ „Wir auch!“, meldeten sich Aprikose, Birne, Sauerkirsche, Zwetschge und gleich auch wieder Pflaume und Pfirsich zu Wort.
„Der April gehört uns allen.“
Trubelig ging es zu im Obstgarten. Jeder Baum beeilte sich, zu Wort zu kommen.
Nur der Apfelbaum schwieg. Er war immer sehr still, wenn die Bäume aus dem Winterschlaf erwachten. Seine Zeit nämlich würde erst später kommen. Zum Ende des Aprils oder gar erst im Mai. Und wie immer würden die Leute dann sagen:
„Wie schön, dass uns der Apfelbaum auch so spät noch wunderschöne Blütenzweige schenkt!“ Und dann, endlich, würden die anderen Obstbäume schweigen. Hatten sie da doch bereits genug Arbeit mit ihren unreifen Früchtchen!
Er lächelte und lauschte weiter dem Wettstreit der Bäume, von denen jeder der schönste und schnellste und beste sein wollte.
Da meldete sich mit einem Summen die Bienenkönigin zu Wort:
„Streitet nicht! Wir Bienen brauchen eure Blüten im späten Winter genauso wie im frühen Frühling und im späten Frühling und, ach, immer sind wir hungrig und jeder Baum, der gerade blüht, ist uns lieb. Jeder zu seiner Zeit.“
Da schwiegen die Bäume betroffen. Was würde aus ihnen werden ohne die Bienen?
Nur der Haselstrauch warf schnell noch ein: „Und wir Haseln sind die ersten, die den Bienen die hungrigen Bäuche nach dem langen Winter füllen. Na, was sagt ihr dazu? Die kleinsten werden die ersten sein.“
Dieses Mal unterbrachen die Obstbäume die Hasel nicht, und das war auch gut so.

© Elke Bräunling

Dem Apfelbaum gefällt es übrigens nicht sonderlich, stets der letzte Blütenbaum im Frühjahr zu sein. Das könnt ihr in der Geschichte „Der Apfelbaum und die Sonne“ nachlesen.
Eine weitere Frühlingsblütenbaumgeschichte findet ihr hier: „Vogelhochzeit und Frühlingsblütenschnee“.
Viel Spaß damit!

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