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Der Frühling und die Zugvögel
Einmal waren es die Zugvögel, die den Frühling gerade noch rechtzeitig aus seinem Winterschlaf aufweckten

Einmal hatte der Frühling die Streiterei mit dem Winter satt.
„Was soll ich jedes Jahr kämpfen?”, brummte er. „Wenn dieser Frostkerl nicht freiwillig abhaut, soll er eben bleiben.“
Er blickte grimmig auf die grauen Winterwolken, die seit Wochen über dem Land hingen, und machte sich auf den Weg südwärts. Je weiter er nach Süden gelangte, desto wärmer wurde es.
Nach einem langen Marsch gelangte er ans Meer, wo der Sommer am Strand lag und in der Sonne döste.
„Ah”, rief der Frühling verzückt. „Hier gefällt es mir.”
Der Sommer grinste. „Das glaube ich gerne. Den ganzen Tag liege ich auf der faulen Haut und schlafe.”
„Schlafen?”, meinte der Frühling. „Das möchte ich auch.”
„Dann leg dich zu mir!”, schlug der Sommer vor. „Zu zweit macht das Faulenzen mehr Spaß.”
„Nichts lieber als das.“
Zufrieden kuschelte sich der Frühling neben den Sommer in den warmen Sand.
So blieb es im Norden winterkalt und nass.
„Wann kommt endlich der Frühling?”, brummten die Menschen.
Auch die Tiere und Pflanzen sehnten den Frühling herbei.
Selbst der Winter hatte eines Spätmärztages die Nase voll.
„Ich bin müde”, grollte er. „Wo steckt er, der Frühling, dieser vorwitzige Bursche?”
Doch während alle den Frühling herbeisehnten, freute der sich an seinem Faulenzerleben. Träge lag er im Sand und träumte bunte Träume. Nur ab und zu öffnete er ein Auge und blinzelte der Sonne zu.
Eines Tages aber war die Sonne verschwunden. Kalte Schatten lagen über dem Strand.
Der Frühling blinzelte.
Was war das?
Die Schatten bewegten sich ja auf ihn zu!
Viele tausend kleine, dunkle Gestalten. Nah kamen sie und näher. Au weia!
Der Frühling schüttelte sich vor Grauen
Er blinzelte wieder, aber die unheimlichen Dunkelgeister verschwanden nicht.
Der Frühling bekam es mit der Angst zu tun.
„W-w-wer seid ihr?”, stotterte er. „W-w-was wollt ihr?”
Ein Raunen ging durch das Dunkel, und auf einmal schrieen und schimpften und zwitscherten die dunklen Gestalten los:
„Hoho!”
„Er kennt uns nicht.”
„Wer wir sind, behauptet er.”
„Dass er sich nicht schämt, dieser Faulpelz!”
„Hast du uns Zugvögel vergessen?”
„Mach, dass du nach Norden kommst! Wir möchten nach Hause.”
„Frühlingslieder singen.”
„Hochzeit feiern.”
„Und Nester bauen.”
„Also los! Steh endlich auf und vertreibe den Winter!”
Der Frühling atmete auf. „Ach, ihr seid es nur.”
Er wollte die Augen wieder schließen, doch da war er bei den Vögeln an der falschen Adresse.
„Du sollst endlich aufstehen!”, riefen sie und pickten mit ihren Schnäbeln auf den Frühling ein.
„Aua!” Der Frühling rieb sich den Bauch. „Ihr tut mir weh.”
Die Vögel aber hatten kein Erbarmen.
„Auf nach Norden! Beeil dich!”
Und sie trieben den armen Frühling unbarmherzig mit spitzen Schnäbeln vor sich her.
Der Sommer lachte sich halbtot über diese Jagd, und weil er sich so amüsierte, machte er sich auch auf die Socken, dem Frühling hinterher.
So kam es, dass in diesem Jahr der Frühling sehr spät kam, und mit ihm war die Luft sogleich erfüllt von Vogelgezwitscher.
Der Winter machte keine Zicken mehr. Er war müde. Außerdem war es auf einmal auch so sommerwarm in diesem Frühjahr. Der Sommer war nämlich auch nicht mehr weit.

© Elke Bräunling

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