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Der späte Frost und die Obstbäume

„Ha!“, sagte der kleine späte Frühlingsfrost eines Spätfrühlingstages und rieb sich die Hände. „Dieser Coup ist mir gelungen. Es geht ihnen gut, den Obstbäumen. Ich, ja, ich habe dafür gesorgt.“
Er lugte unter seiner Schlafwolke hervor, die hoch im Norden über dem großen Eismeer am Himmel stand, und blickte in das Land zurück, in dem er im Frühling geweilt hatte. Sein Blick schweifte dort über die Kronen der Bäume in Gärten, auf Wiesen, Feldern und in Wäldern. Stramm im satten Grün winkten die ihm zu.
„Sie sind zufrieden mit mir, die Bäume. In diesem Jahr werden sie keine schweren Lasten plagen. Sie müssen ihre Zweige nicht unter dem Gewicht ihrer Früchte zu Boden senken und sie müssen sich auch nicht davor fürchten, dass ihre Äste brechen. Schlimm ist das gewesen im letzten Jahr. Sehr schlimm.“
Er machte eine Pause und sah sich Beifall heischend bei seinen Wetterkollegen, die sich bereits im Sommerschlaf befanden, um.
Doch keiner applaudierte.
„Die Menschen werden weniger zufrieden mit dir sein. Auch die Feld- und Waldtiere und vor allem die Vögel werden hungrig und enttäuscht sein. Keine oder nur wenige Kirschen, Mirabellen, Zwetschgen, Pfirsiche in diesem Jahr? Nein, das wird ihnen nicht gefallen“, meinte Frau Holle und wedelte mahnend mit dem Zeigefinger. „Du hast alle Baumblüten erfrieren lassen.“
„Und die Bienen. Sie haben auch gefroren. Jämmerlich gefroren“, rief der frühe Frühlingswind erregt. „Dein später Frost hat sie daran gehindert, ihren Job bei den Obstbäumen zu tun.“
„Stimmt“, quiekte ein kleiner Frühlingssonnenstrahl. „Ganz hungrig sind sie gewesen, die Bienen. Sie konnten deinetwegen keinen Nektar sammeln.“
Und ein anderer Frühlingssonnenstrahl fügte hinzu: „Es ist wahrlich kein Grund, stolz zu sein, wenn man anderen das Leben schwer macht. Hörst du, Frühlingsfrost?“
„Leicht?“, rief da der Frühlingsfrost erregt. „Leicht habe ich es den Bäumen gemacht. Sie müssen keine Früchte tragen. Sagt, ist das nichts?“
Die anderen Wetterboten sahen sich vielsagend an.
„Er wird es nie begreifen“, murmelte Frau Holle schließlich. „Des einen Freud’, des andern Leid. So ist es eben, das Leben.“
Das aber hörte der späte Frühlingsfrost nicht mehr. Er war längst wieder hinter seiner Wolke eingeschlafen.

© Elke Bräunling

Im letzten Sommer war alles ganz anders. Die Obstbäume neigten ihre Zweige fast zu Boden, so groß war ihr Früchte-Reichtum. Eine Geschichte dazu lautet: Die Kirschfee und ihre Bäume

Kirschernte – Eine magere Ausbeute

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