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Maikäfer flieg!

Jedes Jahr im Mai herrschte bei uns im Garten so etwas wie Krieg. Wir nannten es den Maikäferkrieg. Und nein, es war nicht wegen der Maikäfer. Es war wegen des Liedes.
„Maikäfer flieg…“, sang Nachbarin Bäuerle zur rechten, wenn sie im Garten unterwegs war. „Maikäfer, flieg! Der Vater ist im Krieg. Die Mutter ist im Pommerland. Und Pommerland ist abgebrannnt. Tam, ta, ta, taaa…“
Ein grausig schönes Lied, wie wir fanden. Wir mochten es nicht und doch liebten wir es. Das war schwer zu erklären. Das Lied machte neugierig. Und es erinnerte an traurige und schreckliche Zeiten, die wir Menschen nie vergessen sollten. Wegen des Textes. Es machte aber auch glücklich und so etwas wie ein behagliches Gefühl stellte sich ein, wenn wir das Lied hörten. Wegen der Melodie … und auch wieder wegen der Maikäfer.
„Die Maikäfer ziehen ja auch nicht in den Krieg“, meinte meine Schwester Lena dann. „Sie sind nicht böse. Sie fliegen in die Baumkronen und in den Himmel hinauf und ihr Brummensummen klingt schön. Es klingt nach Frühling und Mai und frischen, hellgrünen Blättern.“
Das stimmte. Immer wenn ich das Lied hörte, dachte ich daran, wie sehr ich mich darüber freute, dass der Mai gekommen war und es nicht mehr lange bis zum Sommer und den großen Ferien dauern würde. Nach Krieg und dem verbrannten Pommernland und an das Verlassensein dachte ich weniger. Das Lied erinnerte uns eher an Maikäfer, blauen Himmel, helle grüne Baumkronen und Fliederduft. Und wenn wir es hörten, oder manchmal auch sangen, rann es uns schaurig schön und wohlig den Rücken hinab.
Vielleicht fühlte Nachbarin Bäuerle ja genau so wie wir, wenn sie im Frühling das Lied bei der Gartenarbeit sang?
Oma Wimmer jedenfalls dachte ganz anders. Sie ärgerte sich nämlich und zwar richtig heftig, wenn Frau Bäuerle das Maikäferlied sang.
„Das gibt es doch nicht“, schimpfte sie dann lauthals in ihrem Garten vor sich hin. „Hört das denn nie auf mit diesen entsetzlichen Kriegsliedern? Und sie rief dieses ‚entsetzlich‘ mit langgezogenen Silben, und das klang dann ungefähr so: ent … setz … lich! Und weil sie das alles so schrecklich fand, fing sie dann gleich auch noch mit dem Singen an.
„Schlaf, Kindchen, schlaf“, sang sie und dieses Lied hatte die gleiche Melodie wie das Maikäferlied, bloß fand da kein Krieg statt und keine Feuersbrunst und keine Einsamkeit. Nein, aus dem Lied, das uns wohlig-neugierige Schauer über den Rücken laufen ließ, wurde ein Schlafliedchen.
„Schlaf, Kindchen, schlaf. Der Vater hüt‘ die Schaf, die Mutter schüttelt’s Bäumelein, da fällt herab ein Träumelein. Schlaf, Kindlein, schlaf! Tam, ta, ta, taaa…“
Ein Schlaflied zur besten Mittagszeit im sonnigen Maienmittagsgarten. Und ein Kriegslied. Eines von links und eines von rechts. Jedes das andere zu übertönen versuchend.
„Maikäfer, schlaf“ und „Flieg, Kindchen, flieg!“ und in den Gärten tobte der Krieg. Ein Liederkrieg und der war laut und er nervte.
So ging das immer wieder von Neuem an den Gartennachmittagen, bis Irgendjemand aus der Nachbarschaft laut und vernehmlich fluchte und dem Fluch ein „Ruhe jetzt! Wie sind doch nicht im Krieg!“ hinterher schickte.
„Das Maikäferlied schadet den Kindern nicht“, sagte mein Großvater einmal zu Oma Wimmer, als die sich bei ihm beklagte. „Lieder von Sternelein und Träumelein beruhigen, aber sie lehren uns nicht die Geschichte.“
Und zu Frau Bäuerle sagte er:
„Genau so wenig ist es erbaulich für die Seele, immer nur von schwarzen Stunden hören zu müssen. Der Mittelweg, meine Damen, der goldene Mittelweg ist die Brücke zum Frieden und zur Menschlichkeit.“
Okay, was er damit gemeint hatte, hatte ich damals nicht verstanden. Als Kind muss man ja auch nicht alles verstehen. Aber ich bin froh, dass ich das Maikäferlied mit dem Krieg und dem verbrannten Land kennen lernen und singen durfte.

© Elke Bräunling

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