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Maiwanderung und Hexenspuren

Endlich ist der Mai gekommen und Mia und Max haben sich für heute Regenwetter gewünscht. Wegen der Maiwanderung. Die beiden mögen nämlich nicht gerne stundenlang durch den Wald laufen. Doch ihr Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen, und seit dem frühen Morgen wandern sie – murrend – mit ihren Eltern auf einen Berg.
”Ah, ist das nicht herrlich?”, ruft Mama. ”Wie gut es hier duftet im Maienwald!”
”Nach Wald”, murrt Max.
”Wartet, bis wir oben sind”, sagt Papa. ”Da steht eine interessante Burgruine.”
Max wird neugierig. ”Ist das eine echte Ritterburg gewesen mit Rittern und Drachen und Prinzessinnen?”
”Ich glaube schon”, meint Papa.
”Das ist doch bloß ein Haufen alter Steine”, meckert Mia.
„Nicht weit von der Burg soll es eine Waldlichtung geben, die einmal ein Hexentanzplatz gewesen ist”, lockt Mama.
”Ein Hexentanzplatz?”, fragt Mia aufgeregt. ”Uih, ist das spannend. Treffen sich hier die Hexen und feiern Walpurgis?“
Und Max ruft: ”Tanzen sie da nachts auf ihren Besen?“
”Keine Ahnung.” Papa zuckt mit den Achseln. ”Das ist nur eine Sage.”
”Außerdem”, sagt Mama, ”sind Hexen eine Erfindung der Männer damals. Weil sie sich ärgerten, dass Frauen in der Heilkunde mehr Wissen besaßen als sie.”
Mia und Max sind enttäuscht. ”Dann ist das gar kein echter Hexentanzplatz?”
”Vielleicht haben sich die weisen Frauen damals dort getroffen und ihr Wissen untereinander ausgetauscht”, überlegt Mama.
”Ja”, grinst Papa, ”auf Besen sind sie hier herauf geritten und haben mit dem Teufel ums Feuer getanzt.”
Mia bleibt vor Staunen der Mund weit offen stehen.
Mama aber stößt Papa verärgert in die Seite. „Das sind dumme Geschichten. Es gibt keine Hexen und es hat nie welche gegeben, doch wegen des Aberglaubens mussten früher viele Frauen sterben. Das ist ein sehr trauriges Kapitel in unserer Geschichte.“ Mama schluckt.
”Sterben?”, fragt Mia kleinlaut. ”Warum?”
”Das geht ganz einfach”, erklärt Mama. „Stell dir vor, du magst Evi nicht leiden. Also sagst du laut: ´Evi ist eine Hexe´. Ja, und dann kommt die Polizei und verhaftet Evi. Es gibt ein Hexengericht. Du schwörst, dass Evi eine Hexe ist, und schon wird Evi als Hexe zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Und nur, weil du Evi nicht leiden magst.“
Mia ist empört. ”Das würde ich nie tun. Evi ist doch keine Hexe!”
”Na ja”, spottet Max. ”Ein bisschen wie eine Hexe sieht sie ja schon aus. Mit der langen Nase!”
”Siehst du”, sagt Mama, ”so schnell geht das. So ist es auch damals gewesen. Jeder konnte eine Frau als Hexe anzeigen, aus welchem Grund auch immer. Und nie hat man den Frauen geglaubt.”
”Aber es war gelogen, oder?”, fragt Max, und Mia fasst nach Papas Hand.
”Mama hat Recht”, sagt Papa. ”Hexen sind nur Märchenfiguren. Das, was die Leute damals in der Hexenverfolgung mit den Frauen getan haben, ist falsch und ungerecht gewesen. So einen Unfug gibt es heute nicht mehr.”
”Nein”, meint Mama leise. ”Heute zerstören die Leute einander auf andere Weise.” Sie schüttelt sich. ”Was reden wir da eigentlich? Es ist so ein schöner Tag!”
Mia und Max nicken. Von Hexen möchten sie heute nichts mehr hören. Und diesen komischen Hexentanzplatz möchten sie auch nicht sehen. Eine Burgruine ist spannender. Vielleicht gibt es da sogar ein echtes Verlies?

© Elke Bräunling

Passend dazu sind die Gedichte Walpurgisnacht und Hexennacht


Maiwald

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Aus dem Buch: WALDGESCHICHTEN

Taschenbuch: Hör mal, Oma! Ich erzähle Dir eine Geschichte vom Wald: Waldgeschichten für Kinder  Ebook:   Hör mal, Oma! Ich erzähle Dir eine Geschichte vom Wald   Information

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