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Das Licht des Frühlings

„Wo finde ich den Frühling?“, fragt der Mann mit dem schweren, grauen Rucksack. „Im Frühling nämlich soll das Leben ein bisschen heller sein.“
Er hält den Rucksack, in dem er seine Sorgen verwahrt, fest in den Händen.
Lange schon sind sie auf der Suche, der Mann und sein Fahrrad. Und er fragt jeden, den er unterwegs trifft. Er bekommt auch immer eine Antwort. Die Menschen behandeln ihn nett und freundlich und fröhlich. Nur lautet jede ihrer Antworten anders.
So irrt der Mann durchs Land. Er sucht viele Orte auf, doch das Licht des Frühlings findet er nirgendwo.
Nach langer Fahrt über Berge und Hügel, durch lange Täler und weite Ebenen gelangt er ans Meer. Es regnet kalte Tränen. Aber das Meer, das gefällt ihm. Irgendwo hier würde er den Frühling finden. Ganz sicher ist er sich da. Und er fährt an der Küste des großen Meeres entlang weit und weiter nordwärts.
Noch einer ist unterwegs nach Norden. Der Winter, der selbst auf der Suche ist. Auf der Suche nach Ruhe und nach einem Platz zum Schlafen. Er reist mit dem Mann und lässt den Frühling dort, wo er herkommt, zurück.
Sie gewöhnen sich aneinander, die beiden Suchenden.
„Wo finde ich den Frühling?“, fragt der Mann, der dem Frühling immer weiter davon fährt.
Auch hier im Norden sind die Leute nett und freundlich und fröhlich.
„Den Frühling suchst du?“, fragen sie und lächeln. „Den findest du dort.“
Und sie deuten die Küste entlang nach Süden, dorthin, woher der Mann gekommen ist.
„Ihr irrt!“, knurrt der Mann und fährt weiter. Es gefällt ihm nämlich, dieses Land am nördlichen Meer.
Nach vielen Reisetagen hat er die kalte Küste am Ende der großen Insel erreicht. Eine Gegend, in der sich Winter und Sommer die Zeit teilen. Eine Landschaft, die keinen Platz bereithält für Frühling und Herbst.
Der Mann schlägt sein Zelt auf und sieht dem Winter, der weiter übers Meer gen Norden zieht, hinterher.
„Wenn es so ist, wie alle sagen, muss ich hier nur ein wenig warten“, sagt er und wirft den Rucksack den Küstenfelsen hinab ins Meer. Er braucht ihn nicht mehr.
Der Mann lehnt sich zurück und blickt zum Horizont. Er ist ruhig geworden und er genießt die stumme Zeit des Wartens. Die Tage werden heller, die Winde wärmer. Es sind Tage der Ruhe, der Stille, des wachsenden Lichts.
„Wo finde ich den Frühling?“, ruft der Mann in den Himmel hinauf.
Er lacht, denn eigentlich ist es ihm … egal.

© Elke Bräunling

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