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Vorfrühlingsgeflüster

In den frühen Morgenstunden hatte der Wind die Wolken auseinander getrieben. Letzte Nebelschleier legten ihre Tröpfchen auf die kahlen Zweige der Bäume und über die Wiesen. Die verwandelten sich in der kühlen Spätwinterluft in zarte Reifsternchen und malten ihre Bilder in den erwachenden Tag. Und so sah es am frühen Morgen im Tal wie verzaubert aus. Weiß verziert waren auch im Dorf die Häuser, die Zäune und der alte Kirchturm, die Mülltonnen am Straßenrand und die Dächer der Autos. Die Bewohner, die in den letzten Wochen fast nur Wintergrau und schmutzige Nässe gesehen hatten, freuten sich.
„Die Zauberfee war da in der Nacht“, sagte Opa Fröhlich. „Sie bringt uns ein Prachtwochenende. Ist es nicht herrlich, dieses wunderweiße Weiß?“
„Herrlich kalt. Und die Wege sind spiegelglatt. Man kann sich einen Beinbruch holen“, erwiderte sein nicht ganz so gut gelaunter Nachbar, der Kramer Fritz. „Der Wetterbericht hat uns einen sonnigen Tag versprochen. Aber was haben wir nun? Kaltes, glattes Winterweiß. Also nein, so habe ich mir diesen ersten Vorfrühlingstag nicht vorgestellt.“
„Alter Griesgram“, sagte Opa Fröhlich. Er sagte es mit einem Lachen.
„Undankbarer Brummkopf“, murmelte die Sonne, die hinter dem Berg auf ihre Stunde wartete. „Manchen Menschen kann man es nie recht machen. Sie sollten sich freuen, dass die Wolken endlich Platz gemacht haben für mich und meine Strahlen. Aber nein. Es gibt immer Zeitgenossen, die einen Grund zum Klagen finden.“
Die Sonne schimpfte noch eine Weile vor sich hin. Die Lust am Strahlen war ihr ein bisschen vergangen.
„Warte, wenn die Sonne unser Dorf erreicht hat, du Meckerfritz“, hörte sie da Opa Fröhlich mit einem Lachen zum Kramer Fritz sagen. „Sie wird die weiße Welt zum Funkeln bringen. Und ihre Strahlen werden die Kraft haben, aus dem kühlen Morgen einen warmen Vorfrühlingstag zu zaubern. Wetten?“
„Ich wette nie“, brummte der Kramer Fritz, der an diesem Morgen wieder allzu gerne schimpfte. „Aber für den Fall, dass ich diese Wette gewinnen sollte, wünsche ich …“
„Und ich wünsche mir, dass Brummköpfe wie du an manchen Tagen ihre Klappe halten. Ich wette übrigens für mein Leben gerne“, rief die Sonne.
Sie schob ihre Strahlen über den Berg und verwandelte das Land – und das Dorf – für ein Weilchen in eine hellrosa und silberblau schimmernde Zauberwelt. Die Kraft ihrer Strahlen ließ die Reifsternchen so sehr glitzern und funkeln, dass die Welt einer Schmuckschatulle voller Silber- und Goldgeschmeide glich.
So schön sah das aus, dass alle im Dorf nur noch „Ahh!“ und „Ohh!“ riefen.
„Gewonnen“, sagte der Kramer Fritz zu Opa Fröhlich. „Ich habe meine Wette gewonnen.“
Und er wunderte sich sehr, als Opa Fröhlich und alle anderen Nachbarn ringsum laut lachten und lachten.
Da lachten auch die Reifsternchen Tränen und ihre funkelnde Pracht schmolz dahin.
Sie hatte eben schon viel Kraft, die Sonne im späten Winter. Und sie schenkte dem Dorf einen warmen, sonnigen Tag, der ein bisschen nach Frühling duftete.

© Elke Bräunling

Wiesennebel

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