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„Kannst du denn nicht mal für eine Weile still sein?“, fragt der kleine Spatz die Amsel, die voller Inbrunst eine Arie nach der anderen schmettert.

„Warum sollte ich? Es ist Frühling und endlich kann ich wieder singen!“

„Aber ich möchte euch allen doch so gern einmal etwas zeigen, oder besser gesagt: Ihr sollt einmal zuhören“, der Spatz ist aufgeregt. Er will unbedingt völlige Stille im Garten haben, denn er hat etwas gehört, das war so schön, man kann es nicht beschreiben, man muss es hören.

Die Amsel verspricht eine Pause zu machen.

„Zwanzig Minuten, mein Lieber, länger halte ich es nicht aus!“

Am alten Kirschbaum klopft ein Specht.

„Herr Specht, können Sie bitte mal eine Weile die Arbeit unterbrechen? Frau Amsel ist auch einverstanden und schweigt für zwanzig Minuten“, bittet der Spatz höflich. Der Specht stellt sofort seine Arbeit ein, er ist sowieso erschöpft und muss ein wenig ausruhen.

Die Meisen sind ebenfalls einverstanden, sie hocken erwartungsvoll auf der Teppichstange und warten auf den angekündigten Hörgenuss.

Als alles ganz still ist, nur von weitem ruft noch der Kuckuck, da hören es plötzlich alle. Sie können sich nicht erklären, woher dieser liebliche Gesang kommt.

„Was ist das?“, flüstert die Amsel.

„Pst, pst“, machen die Meisen vorwurfsvoll.

Die Augen des kleinen Spatzen leuchten, er ist verliebt, man sieht es ihm ganz deutlich an.

„Da, schaut“, wispert er und zeigt auf den Magnolienbaum.

Die Tiere recken die Hälse, sehen aber nichts.

„Ein singender Baum?“, fragt die Amsel.

„Pst, pst, pst“, machen die Meisen.

Auf einmal hebt sich eine Blüte in die Luft, es ist ganz still. Die Blüte hebt und senkt ihre Flügel, jetzt erkennen alle, dass es ein Schmetterling ist. Elegant fliegt er davon.

„Oh, wie schade!“ Der Specht ist enttäuscht, wie gern hätte er noch ein wenig gelauscht.

„Ich wusste gar nicht, dass Schmetterlinge singen können“, sagt er, dann fährt er mit seiner Klopfarbeit fort.

Die Amsel trällert und die Meisen verteilen sich wieder im Garten, um Nistmaterial zu sammeln. Von Weitem ruft der Kuckuck.

„Man muss ganz still werden, um die großen Wunder dieser Welt wahrnehmen zu können“, flüstert der kleine Spatz. Jetzt wird er wieder warten, dass sein Schmetterling zurück kommt und ein neues Lied für ihn singt. So lange wird er von ihm träumen.

© Regina Meier zu Verl

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