Schlagwörter

, , , ,

Ein Haarschmuck für die Birke

Die Birke kichert, sie kann gar nicht mehr aufhören zu kichern.
„Hey!“, ruft sie. „Was kitzelt mich da?“
Die Eiche, die neben ihr steht, entdeckt eine Feder im Geäst ihrer Birkenfreundin.
„Es ist eine Feder, die sich in deinen Zweigen verfangen hat, liebe Birke, eine Engelsfeder sicherlich.“
„Eine Engelsfeder?“, fragt die junge Birke ganz leise, denn wenn das wirklich so sein sollte, dann will sie diesen wertvollen Besucher nicht verjagen.
„Ja, es sieht so aus. Sie ist schneeweiß und ganz flauschig. Ihr Gewicht dürftest du kaum spüren, so zart und leicht ist sie“, erzählt die Eiche, die es wissen muss. Sie ist nämlich schon viele Jahrzehnte alt und hat viel gesehen und erlebt.
„Ist sie hübsch?“, flüstert die Birke andächtig.
„Ja, das ist sie und sie passt so gut zu dir, denn du hast auch so eine hübsche Rinde, silberweiß, ganz wunderbar. Und diese zarten grünen Frühlingsblättchen sind zum Küssen schön.“
Die Birke ist nun ganz verlegen. So ein schönes Kompliment hat sie noch nie gehört, es schmeichelt ihr.
„Meinst du, dass die Engelfeder bei mir bleiben wird?“, fragt sie die Eiche.
„Wie soll ich das wissen?“
„Na, du weißt doch sonst immer alles!“
Die Eiche lacht und fühlt sich nun ihrerseits geschmeichelt. Ihre Rinde ist zwar knarzig und rau und sie ist auch nicht gerade die Schlankste mehr, aber das sind ja Äußerlichkeiten.
„So klug bin ich nun auch nicht. Ich weiß nur, dass mich auch mal eine Engelfeder besucht hat. Leider hat ein Mensch sie gefunden, ein kleiner Junge. Er ist an mir hochgeklettert und hat die Feder mitgenommen. ‚Für seine kranke Oma’, hat er gesagt und da habe ich natürlich nichts dazu gesagt und sie ihm überlassen.“
„Ob die Oma wieder gesund geworden ist?“
„Sicher, es war ja eine Engelfeder, die heilt, man muss nur fest genug daran glauben.“
„Ich verstehe!“ Die Birke wird nachdenklich und schweigt eine Weile.
„Träumst du?“, fragt die Eiche.
„Ja, ich träume von Engeln, die auf einer bunten Blumenwiese tanzen“, antwortet die Birke und seufzt. „Ein wunderbarer Traum!“
Plötzlich kommt ein Wind auf. Die Feder löst sich von den Birkenzweigen und schwebt zu Boden. Nun kann die Birke sie auch betrachten.
„Wie herrlich sie ist!“, schwärmt sie und gleich darauf wird sie traurig, denn ihr wird klar, dass sie sich nun verabschieden muss. Beim nächsten Windstoß wird die Engelsfeder davonfliegen. Sie würde sich einen anderen Baum suchen. So ist das manchmal im Leben, traurig, aber wahr.
Unten im Gras sitzt August, der dicke Käfer.
„Huch!“, ruft er. „Es regnet!“
Er weiß ja nicht, dass ihn gerade eine Birkenträne erwischt hat.

© Regina Meier zu Verl 2015

 

Advertisements