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Eine Überraschung für Mama

Omas Bett steht am Fenster im Wohnzimmer. Wenn Mama das Kopfteil ein wenig höher stellt, dann kann Oma in den Garten schauen. Das gefällt ihr, denn raus kann sie nicht mehr, schon lange nicht. Sie muss fast den ganzen Tag liegen. Dadurch, dass das Bett aber nun im Wohnzimmer steht, nimmt sie am Familienleben teil und ist nicht so allein.
Ich spiele oft im Garten. Immer wieder schaue ich dann bei Oma vorbei, zeige ihr ein Blümchen, das ich gepflückt habe oder male ein Herz an die Fensterscheibe. Dabei darf ich mich aber nicht von Mama erwischen lassen. Sie mag das nämlich gar nicht.
Dieses Wochenende ist bei uns was los. Mama und Papa machen Frühjahrsputz. Jede Ecke wird aufgeräumt und entstaubt. Die Fenster werden auf Hochglanz poliert und selbst die Decken aller Räume werden geputzt. Dafür hat Mama einen weichen Lappen auf den Wischer gespannt und sie streckt und reckt sich, damit sie auch jeden Winkel erwischt. Das ist anstrengend, denn sie stöhnt in einer Tour.
Oma und ich schmunzeln bei jedem Seufzer und schauen uns wie zwei Verschworene an. Laut zu lachen, das wagen wir nicht, das würde Mama wohl ärgern. Dabei hat sie selbst es sich ja so ausgesucht und wir können ihr auch gar nicht helfen. Oma, weil sie krank ist und ich, weil ich auf Oma aufpassen muss. Das ist in diesem Fall ganz praktisch, finde ich.
Papa entrümpelt den Keller, so steht er Mama nicht im Weg und er muss auch nicht ihr Gestöhne anhören. Schließlich kann er ja nichts dafür, dass die Spinnen die Decke und Zimmerecken „bewebt“ haben. All die feinen Spinnweben, wahre Kunstwerke, verschwinden nun im Putztuch. Oma hustet, ich huste zur Gesellschaft gleich mit und wedle mit der Hand vor meinem Gesicht herum.
„Puh, staubt das hier!“, bemerke ich und fange mir einen bösen Blick von Mama ein.
„Meckern kann ich auch“, schimpft sie und macht weiter. Oma hustet schon wieder, ich auch. Papa kommt ins Wohnzimmer und wedelt ebenfalls mit den Armen.
„Das kann ja nicht gesund sein, Ingrid, denk an deine Mutter!“ Er geht zum Fenster und öffnet es weit. Im Raum wird es furchtbar kalt und Oma und ich husten um die Wette.
„Ihr macht mir doch was vor, ihr Beiden“, sagt Mama verärgert, hört aber auf, an der Decke herumzuputzen.
Als Papa das Fenster gerade wieder schließen will, steckt der Postbote seinen Kopf ins Zimmer.
„Ich habe schon drei Mal geläutet, habe einen wichtigen Brief für Sie!“, kündigt er an und überreicht Papa einen großen Umschlag.
„Schauen Sie, hier müssen Sie bitte quittieren. Er deutet auf sein Lesegerät und reicht Papa einen Stift. Papa zieht die Augenbrauen in die Höhe und staunt. Er fragt sich, was wohl in dem Brief sein wird. Als sich der Postbote verabschiedet hat, lässt sich Papa auf’s Sofa fallen, Mama daneben, gemeinsam öffnen sie den Briefumschlag. Sie lesen, dann kreischt Mama und Papa grinst, als er einen dicken Schmatz von seiner Frau bekommt.
„Du bist ja so süß, Freddy, richtig romantisch, ich bin hin und weg!“
Oma und ich schauen uns an und zucken mit den Schultern. Wir verstehen nicht, was da gerade los ist. Allerdings bin ich nicht ganz sicher, ob Oma nur so tut, oder ob sie genau weiß, was da vor sich geht. Papa sagt nämlich:
„Das ist ja sehr lieb und du darfst mich ruhig noch mal küssen, liebe Ingrid, aber ich war das nicht, Ehrenwort!“
„Was ist denn nur los?“, will ich jetzt wissen. Oma schweigt und grinst.
„Dein Vater hat mir eine Reise nach Paris geschenkt und nun tut er so, als wäre er es nicht gewesen!“, beantwortet Mama meine Frage.
Oma kichert und jetzt weiß ich auch warum: sie war das.
„Oma war’s!“, verkünde ich und bekomme einen Buff in die Seite.
„Mutter, ist das wahr?“
„Ja!“, sagt Oma. „Ich wollte euch etwas zum Hochzeitstag schenken und dachte mir, dass ihr mal nach Paris reisen solltet und den Knirps, den lasst ihr hier bei mir. Der muss Tante Elisabeth Anweisungen geben. Denn die wird sich während des Wochenendes um mich kümmern. Ihr seht, für alles ist gesorgt!“
„Aber …“, stammelt Mama, „aber, das geht doch nicht!“
„Geht!“, sagt Oma und da ist auch nichts dran zu rütteln.
Ich finde das gut, denn ich bin ja schon groß und kann Tante Elisabeth gut sagen, wo es langgeht. Vielleicht gehorcht sie sogar, wenn ich Pizza bei ihr bestelle und einen dicken Eisbecher. Wir werden sehen.

© Regina Meier zu Verl

Kirschzweige im Frühling

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